Die reale Welt des Romans · Anmerkungen des Autors
Die Geschichte hinter Die menschliche Stimme
Ein Traktat über den Orgelbau. Eine Anatomin, die sich bei der Arbeit darstellt. Sechs Orgeln, gebaut, um einander zu antworten. Die Fiktion beginnt in einer Welt, die es gab.
Dieser Gang greift Themen aus der Anmerkung des Autors zu Die menschliche Stimme auf. Die historischen Abbildungen zeigen reale Menschen, Werke und Instrumente. Was jeder Bezug mit dem Roman zu tun hat, steht gesondert dabei.
01 · DER NAME DES BUCHES
Vox humana ist ein echtes Register — und es kam im Jahr des Romans nach Spanien
Die Vox humana hat niemand erfunden: Sie ist eines der ältesten Register der Orgel, eine Zunge mit kurzen, gedeckten Bechern, fast immer in 8′, gebaut, um die Stimme eines fernen Chores nachzuahmen. Sie ist seit dem späten 16. Jahrhundert belegt und braucht einen sorgfältig eingestellten Tremulanten — ohne ihn zerfällt die Illusion.
Das Datum, auf das es diesem Buch ankommt: Das Register erscheint 1762 in einem spanischen Inventar, in San Mateo in Tarifa, als «Voz Humana en Eco, 8′». Es ist das Jahr, in dem Tomás die Werkstatt erbt.
Der Name steht auf dem Umschlag des Buches, auf dem elfenbeinernen Registerzug, den der Leser sieht, bevor er die erste Zeile gelesen hat.
Dom François Bedos de Celles veröffentlichte L’Art du facteur d’orgues zwischen 1766 und 1778. Das Traktat beschreibt den Bau der Orgel in Text und Tafeln: die Arbeit, die hinter dem Gehäuse verborgen bleibt.
Im Roman: Die Anmerkung des Autors stellt klar, dass die Bedos zugeschriebenen Epigraphe und Passagen erfunden oder frei bearbeitet sind — mit einer ausgewiesenen Ausnahme: dem Hinweis in Artikel 143 auf den Einklang mit der natürlichen menschlichen Stimme. Das wirkliche Buch dokumentiert kein Geheimnis der Almadas.
Tafel aus dem Traktat von Bedos. Gemeinfrei, ohne Änderung. Originalbild.
03 · MUSIKALISCHES ERBE
Die sechs Orgeln von Mafra kamen später
Das Ensemble von Mafra wurde so angelegt, dass alle sechs Instrumente zusammen spielen können. Diese Beziehung untereinander macht das Ensemble ebenso besonders wie ihre Zahl.
Im Roman: Wenn Antão 1745 von den Orgeln von Mafra spricht, meint er nicht das heutige Ensemble. Die Anmerkung des Autors unterscheidet die Instrumente aus der Zeit Johanns V. von den sechs, die später von Machado e Cerveira und Peres Fontanes gebaut wurden.
Orgel in Mafra, 2006, Fotografie von Georges Jansoone. CC BY 2.5, ohne Änderung. Originalbild.
04 · WISSENSCHAFT UND KUNST
Eine Frau, die Anatomie in Wachs lehrte
Anna Morandi Manzolini (1714–1774) war Anatomin, Bildhauerin und Dozentin in Bologna. Aus eigener Untersuchung des Körpers schuf sie anatomische Modelle in Wachs. Ihr Selbstbildnis bewahrt das Bild einer Frau bei der Ausübung des Fachs.
Im Roman: Morandi gehört zu der historischen Linie, die die Anmerkung des Autors nennt. Die Wachsbildnerei hat es gegeben; was das Haus Almada mit dem Material und dem Wissen anstellt, gehört der Fiktion.
Selbstbildnis von Anna Morandi Manzolini, Fotografie von Warburg. CC BY-SA 3.0, ohne Änderung. Originalbild.
05 · ANATOMISCHE KABINETTE
Ruysch und Fragonard: der Körper als Sammlung
Die Anmerkung des Autors bringt zwei reale Traditionen zusammen: die anatomischen Präparate von Frederik Ruysch in Amsterdam und die écorchés von Honoré Fragonard in Alfort. Einen Körper zu bewahren konnte Gegenstand des Studiums, der Vorführung und der Bewunderung sein.
Die Grenze: Keiner dieser Vorläufer belegt die Methode des Romans. Die Verbrechen und die Werkstatt der Almadas sind erfunden. Der Fragonard, von dem hier die Rede ist, ist Honoré der Anatom, nicht Jean-Honoré der Maler.
Frederik Ruysch, von Jurriaen Pool, 1694. Gemeinfrei, ohne Änderung. Originalbild.
06 · KLANG UND STEIN
In Kirchen stecken Tongefäße
Akustische Gefäße sind keine Erfindung des Romans. Die archäologische Forschung untersucht Töpfe, die in Wände und Gewölbe von Kirchen eingebaut wurden. In Montivilliers in der Normandie wurde der Zusammenhang zwischen den Gefäßen und einer akustischen Absicht am Bau und an den Dokumenten untersucht.
Im Roman: Antão treibt die Deutung weiter, als die Funde es erlauben. Die Resonanzfrequenzen eines Gefäßes zu untersuchen heißt nicht, eine Aufnahme der Vergangenheit zurückzugewinnen, und schon gar nicht, den genauen Ton eines dort gesungenen Psalms zu beweisen.
Die Anmerkung des Autors nennt Vitruv, Mersenne, Kircher, Sauveur, Ptolemäus, Boethius und Hooke unter den Bezügen von Antãos technischer Welt. Der Weg führt über akustische Gefäße, Schallausbreitung, Schwebungen, Monochorde und die Form der Bögen.
Es sind Hinweise, die Werkstatt als einen Ort zu lesen, an dem Musik, Rechnung und Bau zusammenkommen. Die Anwesenheit dieser historischen Autoren macht die besonderen Versuche der Figur nicht historisch.
Quelle: Anmerkung des Autors zu Die menschliche Stimme, über Antãos Traktate.
08 · GEOGRAFIE
Ein wahrer Rahmen, erfundene Häuser
Braga, Tibães, der Marão und Olhão gehören zur realen Geografie des Romans. Die Anmerkung des Autors unterscheidet sie von den drei erfundenen Bauten: São Lázaro da Várzea, dem Haus der Almadas an der Calçada do Sacramento und dem Kloster Mercês in Olhão.
São Lázaro ist kein anderer Name für Tibães. Die wirklichen Ordenshäuser sind nicht die Orte der erfundenen Verbrechen. Diese Unterscheidung gehört zum bewussten Bau des Buches.
Quelle: Anmerkung des Autors, über Topografie und erfundene Bauten.
09 · DIE ZEIT DER WÖRTER
Warum stehen Spannen und Meter auf derselben Seite?
Die Figuren benutzen die Maße ihrer Zeit: Spannen, Ellen, arráteis, canadas und quartilhos. Der Erzähler darf Meter und Gramm benutzen. Die Anmerkung des Autors erklärt den Unterschied als den Abstand zwischen denen, die in der Geschichte leben, und dem, der sie erzählt.
Sie trennt ebenso reale Einrichtungen von erfundenem Räderwerk: die Mesa da Consciência e Ordens hat es gegeben; die an São Lázaro gebundene Kommende königlichen Patronats ist die erfundene Vorrichtung, die den Visitator in jenes Kloster lässt.
Quelle: Anmerkung des Autors, über Maße und Gerichtsbarkeit.
10 · DER PREIS EINES MEISTERWERKS
Weingarten: die menschliche Stimme, die ihren Erbauer ruinierte
Joseph Gabler unterzeichnete den Vertrag für die Orgel der Basilika Weingarten am 6. Juli 1737 und erlebte ihre Weihe am 24. Juni 1750. Dreizehn Jahre, 63 Register, 6890 Pfeifen, vier Manuale. Seine Vox humana war schon zu Lebzeiten berühmt — und eine moderne akustische Analyse zeigt, warum: Sie trägt einen Formanten zwischen 1,8 und 4,4 kHz, jene hohe Resonanz, die eine geschulte Männerstimme von einer gewöhnlichen unterscheidet.
Die Grenze: Die Sage will, Gabler habe für dieses Register seine Seele dem Teufel verkauft. Kein Dokument stützt das — es ist Folklore, aus Staunen geboren. Belegt ist Härteres, und diesem Buch Näheres: Die Orgel ruinierte ihn. Ein hervorragender Orgelbauer und ein schlechter Kaufmann, erholte sich Gabler nie von dem Werk, das ihn berühmt machte.
Die Frage bleibt, und es ist die des Romans: Was kostet ein Meisterwerk, und wen.
In der Werkstatt: die drei Stufen der MethodeEnthält Spoiler und anatomische Illustrationen. Nur öffnen, wenn Sie das technische Geheimnis des Romans kennen wollen.
Geist, Wachs und Form: drei vom Autor bereitgestellte Bilder zur Veranschaulichung der erfundenen Methode. Es sind Darstellungen aus der Welt von Die menschliche Stimme, keine historischen Dokumente und keine Vorführung eines realen Verfahrens.
Stufe I · Geist. Vom Autor bereitgestellte Illustration. Zum Vergrößern anklicken.Stufe II · Wachs. Vom Autor bereitgestellte Illustration. Zum Vergrößern anklicken.Stufe III · Form. Vom Autor bereitgestellte Illustration. Zum Vergrößern anklicken.
Ein eingestandener Anachronismus
Die Anmerkung des Autors stellt die Siegellegierung in die Familie der niedrig schmelzenden Wismut-Blei-Zinn-Legierungen. Sie bezeichnet Antãos Rezept als bewusste erzählerische Vorwegnahme jener dokumentierten Formel, die später als Rose-Metall bekannt wurde. Dass es Schmelzlegierungen gibt, macht die Bewahrung einer menschlichen Stimme, wie sie erzählt wird, nicht möglich.
Links
Diese Seiten haben geholfen, das Buch zu schreiben und diesen Abschnitt zu bauen. Sie sind öffentlich, kostenlos und werden von Leuten gepflegt, die die Sache verstehen. Sie stehen hier aus Dankbarkeit — und für alle, die weitergehen wollen.
Encyclopedia of Organ StopsDas Wörterbuch der Orgelregister, zusammengestellt von Edward L. Stauff. Hier wurde geprüft, was eine Vox humana ist.